VARUSSCHLACHT

Mythos und historische Hintergründe

 

Im Sommer 2009 wird es 2000 Jahre her sein, dass der legendäre Germanenfürst Arminius – so lautet die lateinische Bezeichnung von „Hermann“ – im Teutoburger Wald und bei Osnabrück der römischen Invasionsmacht eine empfindliche Niederlage versetzen kann. Erstmals ist es einem Fürsten gelungen, die vielen zerstrittenen germanischen Stämme zu einen. Die Beschwörung gemeinsamer Werte gegenüber dem römischen Eindringling beeindruckt selbst den römischen Geschichtsschreiber Tacitus dermaßen, dass dieser den Germanen eine den Römern fast ebenbürtige Zivilisationsleistung andichten will. Was als Kritik am Sittenverfall der eigenen Reihen gemeint ist, entwickelt sich über die Jahrhunderte hinweg zum Gründungsmythos der »teutschen« Nation – die Bezeichnung deutsch leitet sich sogar vom Teutoburger Wald her.

Spätestens im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert wird der Hermannmythos im Namen der wieder zu einenden „teutschen“ Nation vielfach wieder aufgegriffen. Eine Unzahl von Nachdichtungen und Vertonungen erscheint, teilweise, wie die von Grabbe und Kleist vorgelegten Dramen, vom preußischen Staat als Propaganda finanziert. Erneut haben es die Deutschen mit einer Invasionsmacht zu tun, die ihren Feldzug unter der Fahne des zivilisatorischen Sendungsbewusstseins begonnen hat: In den Befreiungskriegen der 1810er Jahre gilt es, sich von der Fremdherrschaft der Franzosen zu befreien.

Natürlich müssen die oft national überhöhten Nachdichtungen der Hermannsschlacht nach 1945 Anstoss erregen. Allzusehr betonen Klopstock, Schlegel oder Grabbe doch die gemeinsamen germanischen Wurzeln, schwärmen sie von »teutschen« Wäldern und hühnenhaften blonden Kriegern. Die nationalsozialistische Propaganda verstand es, diese Fiktionen, ähnlich wie die mittelalterlichen Sagendichtungen wie etwa Parzifal, für ihre Zwecke zu missbrauchen. Aber schließlich gelingt es der Literaturwissenschaft Mitte der 1980er, zumindest am Beispiel der Nachdichtung von Kleist, damit zu argumentieren, dass die nationalistisch gefärbte Lesart den Duktus der idealistischen Hermannstexte verkennt und aus dem Kontext reisst. Ist insbesondere Kleists Hermannsschlacht nicht vielmehr eine Beschwörung der Menschen- und Völkerrechte? Ein Aufschrei der Menschlichkeit gegen den unrechten Besatzer? Hat Hermann nicht selbst, wie schon bei Tacitus nachzulesen, von kosmopolitischen Dimensionen seines Kampfes geträumt? Musste man diesen Freiheitsmythos wirklich so streng auf Deutschland beziehen?

Ein französischer Diplomat besucht unterdessen das Hermannsdenkmal bei Detmold und findet, dass »Arminius heute nicht mehr gen Paris droht, sondern mit seiner Hand winkt.« - Es ist Zeit, einen Gründungsmythos unserer Nation zu entstauben und neu zu verorten.

Die Werte, die Hermann im Verlauf seiner politischen Argumentation verteidigen will, beziehen sich auf die Freiheit und Unabhängigkeit der germanischen Völker. Tacitus hatte nicht recht: Im Vergleich zu den Römern, sind die Germanen als Staatswesen nicht organisiert, schlichtweg nicht existent. In loser Verbindung treiben Stämme Handel miteinander, tauschen ihre Kultur untereinander aus. Aber nicht einmal die Götter sind allen gemein. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich das Germanien der Zeitenwende, kurz vor und nach Christi Tod, in einem machtpolitischen Vakuum befindet, in dem ein relativ friedliches Gleichgewicht zwischen den Stämmen vorherrscht. Die einzelnen Gruppen sind in ihrer kulturellen Entwicklung frei von irgendwelchen fremdbestimmten Autoritäten.

Wenn man diese einmalige historische Situation genau betrachtet, kann man schnell begreifen, wie Tacitus andererseits in seiner Beschreibung dazu kommt, die Authentizität der germanischen Lebensweise so herauszustellen. Gleichzeitig lässt sich nachvollziehen, wie bedeutsam ein eigentümlicher Freiheitsbegriff ist, der sich in der indigenen germanischen Kultur unbewusst ausdrückt. Tacitus formuliert immerhin auch eine Art »retour au nature«, lange vor Rousseau…